Beim Schreiben sitze ich immer an einer Stelle, von der aus ich einen freien Blick auf die Natur habe. Jetzt im Winter habe ich die Möglichkeit Vögel zu beobachten. Sie holen sich von der Fütterstätte Sonnenblumenkerne, mit denen sie dann zum gegenüberliegenden Tannenbaum fliegen, um dort auf einem Ast den Leckerbissen, den ich für sie vorbereitete, zu genießen. Ich beobachte, wie sie sich füttern und dabei auch zanken und streiten. Ich habe dabei ein gutes Gefühl und nicht nur, weil ich dieser Vorstellung nachhalf, sondern auch deswegen, weil ich ein Teil von diesem ganzen Geschehen bin. Ich liebe das Leben. In allen seinen Formen und unendlichen Verwandlungen. Ich kann sagen, dass mit zunehmendem Alter auch meine Sehnsucht wächst, auch nicht die kleinste Gelegenheit, keine einzige Situation zu verpassen. Nur so kann ich zu mir selbst sagen, ohne Zwang und ohne mich selbst überzeugen zu müssen - das Leben ist wunderschön.
Ich lebe ein sehr offenes Leben und komme daher mit vielen Menschen zusammen. Mit vielen immer wieder und ich lerne auch ständig neue Menschen kennen. Jedes Treffen ist für mich immer wieder eine Gelegenheit, bei der wir alle uns den unwiederholbaren Zauber einer gegenseitigen Bereicherung gönnen können. Dieses setzt eine große Portion Offenheit voraus, um uns damit selbst den nötigen Freiraum für die Wahrnehmung von etwas Neuem zu geben.
Oft hatte ich bei diesen persönlichen Gesprächen die Gelegenheit zu erleben, was für falsche oder zumindest verdrehte Vorstellungen die Leute haben. Die häufigste und dabei, was die Umsetzung angeht am wenigsten wahrscheinliche, ist die von einem "Großen Ereignis", das auf einen Menschen wartet. Im Extremfall wird das Geschenk der Erleuchtung erwartet. Mit einer viel größeren Wahrscheinlichkeit kann ein Suchender durch eigene Initiative eine Situation herbeiführen, die er selbst bei einem Rückblick als einen Katalysator, oder als einen neuen tiefsinnigeren Anfang auf seinem Weg bezeichnen wird. Falls er nach einiger Zeit mit einem Höchstmaß an persönlichem Erlebnis dieses Rückblickes fähig wird, kann er es auch als ein Ereignis bezeichnen. Mancher von uns bereitet sich im Laufe seines Lebens auf eine solche Situation vor, viele sind aber wegen mangelnder persönlicher Reife weder bereit noch fähig, maximalen Nutzen daraus zu ziehen.
Über die Möglichkeit, in diesem Zusammenhang einen vollen Erfolg zu erreichen, entscheidet nämlich die Qualität des bisherigen Lebens. Über diese Qualität entscheidet jeder für sich selbst, mit Hilfe seiner Eigenschaften. Eine davon ist die Feinfühligkeit und die Empfindsamkeit, mit der jemand alle Details eines alltäglichen Lebens wahrnehmen kann. Es ist die Fähigkeit, die Schönheit und Außergewöhnlichkeit eines jeden Tages zu sehen. Alle Taten, unsere eigenen, selbst die noch so unbedeutenden, und die der anderen stehen miteinander in Verbindung. Wir können sie als allein stehende, nicht zusammen gehörende Geschehnisse betrachten. Wir haben aber genauso auch die Möglichkeit uns zu bemühen, so gut wir es gegenwärtig nur können, die Zusammenhänge zu verstehen. Durch diese Möglichkeit ebnen wir uns den Weg für ein viel tieferes Verständnis dieser alltäglichen und "banalen" Kleinigkeiten, mit denen wir uns aber das Leben verschönern. Die Kausalität unseres Lebens besteht unter anderem auch darin, dass wir eben ein großes Ereignis verpassen können, da wir nicht fähig sind, Kleinigkeiten wahrzunehmen, die den "großen Ereignissen" vorangehen.
Niemand bezweifelt die Nützlichkeit der optimistischen Betrachtungsweise. Einem eingefleischten Pessimisten fällt das allerdings schon schwer. Ein verschlossener und alles um sich herum negativ wahrnehmender Mensch kann kaum einen positiven Beitrag in den Situationen entdecken, in denen er sich befindet und die er auch selbst herbeiführt. Die beste Möglichkeit, einem "großen Ereignis" näher zu kommen, ist die Aufgeschlossenheit für die feinsten Signale unseres Körpers und unserer Seele beim Zusammentreffen mit anderen Menschen, durch zwischenmenschliche Beziehungen. Lernen wir, Freunde von uns selbst zu werden. Lernen wir, auch die feinen Änderungen im Verhalten der anderen uns gegenüber, in Abhängigkeit von unserer Handlungsweise und unseren Gesten und Äußerungen zu erkennen. Der Weg zu einem tieferen Verständnis kann nur über die Sehnsucht nach Vertiefung unserer eigenen Wahrnehmungsfähigkeit führen, die im Stande ist, auch feinste Veränderungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu registrieren. Sind wir bereit eine tiefere Ebene unserer Wahrnehmungsfähigkeit zu erreichen? Sind wir bereit nicht nur die Augen, sondern auch das Herz weit zu öffnen? Hören wir damit auf, die Welt mit einem finsteren Blick zu betrachten und lassen wir uns durch die negativen Nachrichten, die wir von allen Seiten hören, nicht in die Ecke drängen. Nur so schaffen wir eine Basis dafür, immer öfter alle "Kleinigkeiten" unseres Alltages wahrzunehmen, auch wenn wir sie bis jetzt nicht registrierten. Auch der Nachbar ist für uns kein rotes Tuch mehr. Ist er jetzt etwa weniger jähzornig? Nein, eigentlich war er es nie wirklich. Es war größtenteils nur unsere Vorstellung von ihm! Auch ein Autofahrer, der gerade auf einem von uns bereits anvisierten Platz sein Auto parkt, bringt uns nicht mehr aus der Ruhe. Es gibt Kleinigkeiten und Kleinigkeiten. Eine Änderung unserer Lebenseinstellung hilft uns, mit einer Art von Kleinigkeiten fertig zu werden und gleichzeitig entsteht Raum für die anderen. Sobald wir es schaffen, uns von den ersten ohne Nostalgie zu verabschieden, beginnen die anderen eine Projektionsfläche zu bilden, auf der das Bild eines "großen Ereignisses" entstehen kann. Das Leben bekommt eine neue Richtung, einen neuen süßen Duft. Wir bereichern damit unsere Sinne, machen uns selbst Freude, aber am meisten wird sich unsere Seele freuen. Alles hängt von unserer Entscheidung ab. Das erträumte Ziel muss nicht unbedingt auf Dauer erträumt bleiben. Das Leben zu lieben heißt, sich selbst zu lieben, in aller Reinheit, mit Demut und einer Ahnung von dem, was wir in unserem Inneren, in unserem Herzen tragen. Dieses Geheimnis entdecken wir aber nicht, solange wir nicht beginnen, und sei es mit großer Überraschung, uns umzusehen, um diese Kleinigkeiten zu sehen, die uns zu dem "großen Ereignis" führen. Warten wir nicht auf "Godot", die "Kleinigkeiten" haben ein größeres Gewicht und es gibt eine ganze Menge von ihnen, eigentlich eine unendliche Menge.
Jan Konfršt