Zwischenmenschliche Beziehungen bilden neben Gesundheitsproblemen den Schwerpunkt aller gestellten Fragen und sind im Grunde genommen ein unerschöpfliches Thema, das praktisch bei jedem Zusammentreffen von Menschen diskutiert wird, sowohl im größeren Kreis, als auch individuell bei einem Gespräch unter vier Augen. Das Streben nach Selbsterkenntnis und die dadurch gewonnene Möglichkeit, sich dem anderen zu nähern und ihn besser zu verstehen, begleitet jeden von uns.
Es hat sich die tief verwurzelte und ich muss sagen, meist leider auch falsche Vorstellung eingenistet, dass wir durch das Kennenlernen eines Menschen bzw. die spätere Heirat automatisch einen Lebenspartner finden. Ich weiß, dass die Bezeichnung Lebenspartner alltäglich benutzt wird. Ich spreche in letzter Zeit aber ganz absichtlich dieses Thema immer wieder an, um immer wieder eindringlich zum Ausdruck zu bringen: Erst im Laufe der Zeit kann einer für den anderen ein wirklicher Partner werden. Am Anfang kennen wir uns ja praktisch gar nicht. Natürlich will ich damit nicht ausschließen, dass in Einzelfällen ein Zusammentreffen von zwei Seelen, zwei Menschen, die sich von Anfang an auch ohne Worte verstehen, möglich ist. Auch dann aber wird ihr Zusammenleben, langfristig gesehen, nur unter Einhaltung bestimmter Bedingungen funktionieren.
Allein mein Lebensalter erlaubt mir ohne Erröten die Behauptung, dass ich über große Lebenserfahrung verfüge und dass mich der Prozess der inneren Reifung um vieles bereicherte. Mein tiefer Glaube ist die Eigenschaft, dank derer ich zu der Erkenntnis gelangte, was im Leben das Wichtigste ist und auf welche Art und Weise es wünschenswert ist, die Lebensprioritäten so zu setzen, dass wir ohne Schmerz, mit einem Lächeln und einem guten Gefühl in unserem Herzen und unserer Seele, alle Lebenssituationen meistern. Heute weiß ich das alles und möchte es auch weitergeben. Einen anderen Menschen zu achten bedeutet, sich bewusst zu werden, was das Geschenk des Lebens grundsätzlich bedeutet.
Genauso gut weiß ich auch, wie schwer es den meisten Menschen fällt, den wahren Inhalt dieses Satzes richtig und vollständig zu verstehen. In die inhaltliche Tiefe dieses Satzes einzutauchen, wie in die Gewässer der Göttlichen Wahrheit, dazu noch in begrenzter Zeit, das stellt für den Einzelnen eine scheinbar unlösbare Aufgabe dar. Seien wir uns aber darüber im klaren, unlösbar sind Probleme immer nur scheinbar. Göttliche Wahrheit galt und gilt nie nur für eine selektiv ausgewählte Gruppe von Menschen. Keiner von uns wurde vergessen oder ist dazu verdonnert, außen vor zu bleiben. Lassen wir auch nicht den Anflug des Gedankens zu, dass wir uns auf einem Irrweg befinden, aus dem es keinen Ausweg gibt. Ich kann selbst dann einen Menschen und seine Gedanken verstehen, mich in ihn hineinfühlen, wenn er sich selbst, ich will es nochmals unterstreichen, absolut allein ohne irgendeine höhere göttliche Bestimmung in so eine Situation gebracht hat.
Sekunde für Sekunde leben wir den einmaligen Zauber eines Lebensgeschenks. Erlauben wir uns immer und immer wieder den Luxus eines Erlebnisses, in dem wir in jedem Augenblick unseres Lebens dieses Göttliche Geschenk durch uns zum Ausdruck bringen. Gestatten wir uns, unser Leben durch das Kennenlernen unseres Nächsten zu bereichern. Wir kommen damit einem ausgeglichenen Leben viel näher. Gönnen wir uns selbst die Möglichkeit frei zu atmen. Ehren wir, ja ich sage, verehren wir einen Menschen ohne Unterwürfigkeit oder Kriecherei, respektieren wir seine Freiheit. Achten wir seine Eigenschaften und die Wahl seines Lebensweges, auch wenn wir wissen, es wird darin schmerzliche Abschnitte geben. Ich kenne keine bessere, klarere Wahl und keinen direkteren Weg zu meinem Gegenüber, als den Weg in sein Herz. Gleichzeitig verlangen wir aber das Respektieren unserer Freiheit und der Wahl unseres Lebensweges. Dies alles mit aller Entschlossenheit, zwar mit einer gewissen Toleranz unsererseits, aber ohne Zugeständnisse. Auf diese Art und Weise finden wir als schöpferische Wesen den Weg zueinander. Über diese Möglichkeit verfügen wir alle. Durch gegenseitigen Respekt erziehen wir uns zu einer gemeinsamen Partnerschaft. In Einzelfällen können wir zwar einem Partner begegnen, aber meistens müssen wir für eine Partnerschaft wachsen und reifen, uns eben gegenseitig dazu erziehen. Wir sind alle verschieden. Die Gegensätze können uns entweder trennen, oder wir können sie auch schöpferisch nutzen. Die Wahl liegt allein bei uns.
Ich spreche von einem gegenseitigen Sich-näher-kommen, von einem langsamen Eintauchen in die Gefühlswelt und Denkweise eines uns nahe stehenden Menschen, den wir gerne als unseren Lebenspartner betrachten würden. Erlauben wir uns jedoch nicht einen anderen Luxus. Lassen wir ja nicht den Gedanken aufkommen, wir wüssten bereits alles über ihn, wir würden ihn wie unsere Westentasche kennen. Vergessen wir nicht, bevor wir ihn so kennen lernten, wie es in dem gegenwärtigen Augenblick der Fall ist, hatten wir viel Mühe aufwenden müssen und dadurch entwickelten wir uns selbst weiter. Gestehen wir den gleichen Willen und die gleiche Sehnsucht unserem Gegenüber zu. Auch er konnte doch während dieser Zeit einen Abschnitt auf seinem Wege zurücklegen. Erlauben wir uns keine selbstgefällige Zufriedenheit und Starre. Persönliche Entfaltung und Entwicklung sind nie zu Ende. Selbstgefälligkeit und die scheinbare Gewissheit, es gebe an meinem Nächsten nichts mehr zu entdecken, sind ein sicherer Weg in den Abgrund. Jeder Tag, und sei es der gewöhnlichste, bringt uns eine ganze Reihe von Impulsen, die unser Leben nicht nur angenehmer machen können, sondern uns auch in unserer Entwicklung immer bereichern. Erlauben wir uns nicht, sie zu übersehen. Wir haben viel Energie aufgewendet, um uns näher zu kommen. Gestatten wir uns nicht, durch den verfehlten Eindruck eines bereits vollendeten Werkes eine gegenseitige Entfremdung entstehen zu lassen. Erinnern wir uns daran, mit welchen Hoffnungen und Sehnsüchten wir Schritt für Schritt das Gegenwärtige aufgebaut haben. Jeder von uns lebt doch seinen Traum. Wollen wir es zulassen, dass uns dieser Traum, auch wenn er nur zum Teil Wirklichkeit wurde, unter den Händen zerfließt? Leben wir doch lieber so, dass die letzte Frage rein rhetorisch bleibt. Vergessen wir nämlich noch eines nicht, die Wiederherstellung des Vergeudeten erfordert viel mehr Energie als die Errichtung des Ursprünglichen. Zerstörte Grundmauern müssen zunächst weggeräumt werden und das kostet viel Energie und Zeit. Wir brauchen doch nicht den Weg zu beschreiten, der voll von Fehlern und Irrtümern ist. Machen wir uns lieber die Erfahrungen und die Weisheit unserer Vorfahren zunutze.
Jan Konfršt